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Hebammen im „biopolitischen Laborraum“ des „Reichsgaus Wartheland“ – Geburtshilfe zwischen Privatheit und staatlichem Zugriff

Prof. Dr. Cornelia Rauh,
Bearbeiterin: Dr. Wiebke Lisner

Partner und Förderinstitutionen: DFG-Projekt 2014-2017.

Das Forschungsvorhaben ist mit dem Projekt „Das Private im Nationalsozialismus“ des Instituts für Zeitgeschichte, München, assoziiert, das durch die Leibniz Gesellschaft gefördert und in Kooperation mit Prof. Dr. Elizabeth Harvey (Universität Nottingham) sowie mit  dem Deutschen Historischen Institut Warschau durchgeführt wird. Ein Stipendium des Deutschen Historischen Instituts Warschau 2012 und 2013 ermöglichte Vorstudien und die Erschließung von Quellenbeständen.

Aus: Nanna Conti: Der Einsatz der Hebamme bei der großen Heimkehr im Osten. In: Die Deutsche Hebamme 55 (1940), S. 66.

Forschungsgegenstand


Die Auswirkungen der nationalsozialistischen Germanisierungs- und Biopolitik im besetzten Polen als „biopolitischem Laborraum“ ebenso wie das Spannungsverhältnis zwischen Privatheit und staatlichem Zugriff im weiblichen Aktionsraum von Schwangerschaft und Geburt, wird im Tätigkeitsfeld von Hebammen wie in kaum einem anderen Beruf sichtbar. Hebammen arbeiteten an der Schnittstelle von Germanisierungs- und Biopolitik und den individuellen biographischen Umbruchsituationen von Schwangerschaft, Geburt und früher Elternschaft. Der NS-Staat stärkte die Position von Hebammen als Expertinnen für Geburtshilfe und monopolisierte mit der Einführung der Hinzuziehungspflicht einer Hebamme zu jeder Geburt (1938) ihre Tätigkeit. Zugleich schrieb er einen je nach „rassischer“ Klassifizierung unterschiedlichen Status fest: Während er deutsche Hebammen absicherte, entrechtete er Hebammen „nicht deutscher Volkszugehörigkeit“. Rollen, Funktionen und Handeln von deutschen, polnischen und jüdischen Hebammen im besetzten Polen, ebenso wie ihr Verhältnis zu staatlichen Instanzen und zu ihrer Klientel wurden durch die Germanisierungspolitik, den je nach „rassischer Klassifizierung“ unterschiedlichen Status der Hebammen sowie durch die in Abhängigkeit der „Volkstumszugehörigkeit“ unterschiedliche Bedeutung von Mutterschaft neu definiert.
Fokussiert werden die verschiedenen Ebenen von Planung, Verwaltung, konkreter Umsetzung sowie öffentlicher und individueller Wahrnehmung der Tätigkeit von Hebammen im besetzten Polen am Beispiel des „Reichsgaus Wartheland“ als dem wichtigsten „Exerzierplatz“ der Germanisierungspolitik. Geschlechtsspezifische Umsetzungen und alltagspraktische Auswirkungen der Germanisierungs- und Biopolitik werden so aus der doppelten Perspektive von Herrschern und Beherrschten untersucht.

 

 

 

Interview mit Wiebke Lisner geführt von Anna Malinowska, Gazeta Wyborcza, 05.06.15:

katowice.gazeta.pl/katowice/1,35055,18051402,Lebensborn_mogla_porwac_nawet_200_tys__dzieci__Ale.html

Publikationen:

  • Wiebke Lisner: Midwifery and the Process of Racial Segregation in occupied Western Poland 1939-1945, in: German History 35 (2017) (angenommen).

  • Wiebke Lisner: Geburtshilfe im Kontext von Gemeinschafts- und Rassenpolitik - Hebammen als weibliche Expertinnen im 'Reichsgau Wartheland' 1939-1945. In: Detlef Schmiechen-Ackermann / Marlis Buchholz / Bianca Roitsch / Karl-Heinz Schneider / Christiane Schröder (Hg.): Der Ort der "Volksgemeinschaft" in der deutschen Gesellschaftsgeschichte, Schöningh Verlag, Paderborn (erscheint 2017).

  • Wiebke Lisner: Hebammen im "Reichsgau Wartheland" 1939-1945. Geburtshilfe im Spannungsfeld von Germanisierung, Biopolitik und individueller biographischer Umbruchsituation. In: Matthias Barelkowski/ Claudia Kraft/ Isabel Röskau-Rydel (Hg.): Zwischen Geschlecht und Nation. Interdependenzen und Interaktionen in der muliethnischen Gesellschaft Polens im 19. und 20. Jahrhundert, (Polono-Germanica. Schriften der Kommission für die Geschichte der Deutschen in Polen e.V., Bd. 10), fibre, Osnabrück 2016, S. 237-264.

  • Wiebke Lisner: „Und dieses Kind, das wollte keiner haben“. Hebammen und „Kinder-Euthanasie“. In: Deutsche Hebammenzeitschrift, 04/2016, S. 46-50.

  • Wiebke Lisner: Midwifery between Mütterlichkeit and Racial Engineering, in: Lisner, Wiebke/ Peters, Anja K.: German Midwifery in the "Third Reich", in: Benedict, Susan/ Shields, Linda (Hg.): Nurses and Midwives in Nazi Germany, (Routledge Studies in Modern European History), Routledge, New York, London, 2014.

  • Wiebke Lisner zus. mit Kape, Salomea/ Peters, Anja K.: Die Hebamme von Lodz, in: Hebammenzeitschrift, Heft 11, 2013, S. 71-74.